Die Briefe meines Urgroßvaters

Von Rafael Reis Bender (2026, Porto Alegre, Brasilien)

In Südbrasilien ist jede Familie wie ein Flickenteppich: Wenn man sich die Mühe gibt, ein bisschen über die eigenen Wurzeln zu recherchieren, findet man schnell heraus, dass der Stammbaum eine vielzahl von Einwanderern unterschiedlicher Nationalitäten an den Spitzen seiner Zweige trägt. Manche von uns sind davon begeistert und sogar stolz darauf, eine Liste von europäischen Vorfahren zu haben, andere haben nur ein leichtes „akademisches” Interesse daran. Ich glaube, den meisten ist es völlig egal. Denn welchen Sinn hat es schon, sich mit Menschen zu beschäftigen, die vor Jahrhunderten gelebt haben?

Als ich vollkommen zufällig angefangen habe, Deutsch zu lernen — ich musste nähmlich die Schule wechseln —, war ich zwölf Jahre alt und hatte die vage Vorstellung, irgendeine ferne familiäre Beziehung zu Deutschland zu haben. So wusste ich zum Beispiel, dass ich einen deutschen Nachnamen besaß, aber nicht viel mehr. Eines Tages, als ich Schwierigkeiten mit der Hausaufgabe hatte, hat mein Vater mir vorgeschlagen, ich solle Oma um Hilfe bitten — Warte mal, kann Oma Deutsch sprechen?! Meine Großmutter konnte nicht nur Deutsch sprechen, sondern es war die Sprache, die sie als Kind zu Hause gesprochen hatte, mit ihren Eltern, in der Schule, in der Kirche, es war ihre erste Sprache, ihre Muttersprache.

Meine Großmutter (links) spielt Akkordeon, Porto Alegre, 15/11/1938

Dieses unerwartete, etwas merkwürdige Ereignis hat damals mein Interesse geweckt. Ich wollte mehr darüber erfahren, sowohl über die Sprache selbst als auch über die Geschichte meiner Familie, und wie es dazu kam, dass wir hier in Brasilien eine Sprache benutzt haben, deren Herkunft so weit entfernt von uns lag. Und tatsächlich hatte ich im Laufe der Zeit die Gelegenheit und das Privileg, sehr viel zu lernen, sei es mit den Geschichten meiner Großmutter oder beim ganz normalen Deutschunterricht. Je mehr ich meine Sprachkentnisse erweiterte, desto mehr wollte ich spüren, dass ich auch ein Teil des Ganzen war, oder besser gesagt: dass die deutsche Kultur auch ein Teil von mir war. Ich muss sogar zugeben, dass ich am Anfang eine sehr romantische Vorstellung von Deutschland und Europa hatte: Die Heitmat meiner Vorfahren, wo unsere alte Sprache noch gesprochen wird, wo im Winter das Land vom Schnee bedeckt ist… So kindisch und peinlich diese Ideen mir heute vorkommen, sind zumindest das Interesse und die Neugier geblieben.

Meine Urgroßeltern und meine Großmutter in Pelotas, Rio Grande do Sul, 08/03/1928.

Wie dem auch sei, meine Großmutter wurde im Jahre 1924 in Porto Alegre, der Hauptstadt des Bundesstaates Rio Grande do Sul, geboren. Sie war das Enkelkind von vier Einwanderern. Ihre Mutter war die Tochter eines österreichischen Mannes und einer ungarischen Frau. Die Eltern ihres Vaters hingegen waren beide deutsch: Herrmann Schlöttgen aus Brandenburg und seine Frau Julia Schröder, die aus einer deutschen Kolonie in der polnischen Stadt Lodsch stammte. Wie Oma mir immer erzählt hat, haben sie zu Hause nur Deutsch gesprochen. Sogar in ihrer Schule wurde hauptsächlich Deutsch gesprochen. Damals gab es in Porto Alegre ganze Stadtteile, die von Einwanderern bewohnt waren, und so war es ihnen möglich, ein ziemlich ‚deutsches Leben‘ zu führen. Traurigerweise hat sich das alles geändert, als 1939 die deutsche Armee in Polen einmarschierte.

Im Jahre 1942 schloss sich Brasilien den Aliierten an. Das hatte schwere Konsequenzen für die deutsche Bevölkerung Brasiliens: Die Vargas Regierung verbat ihnen, Deutsch zu sprechen oder die Sprache auf irgendwelche Weise zu benutzen. Deutsche Zeitungen oder Magazine durften nicht mehr veröffentlicht werden, viele Institutionen mussten sogar ihre Namen ändern. Das Gleiche galt auch für andere Sprachen, die mit den Achsenmächten in Verbindung standen, nähmlich Italienisch und Japanisch. Mein Urgroßvater, Hugo Germano Schlöttgen, ein Buchhalter, musste viele seiner Dokumente verbrennen, damit er keinen Ärger mit der Polizei kriegte. Die Geschichte, die ich hier erzählen möchte, geht um ihn und um seine Verbinung zu seiner Familie in Deutschland.

Mein Urgroßvater, Hugo Germano Schlöttgen,  arbeitet an seiner Schreibmaschine.

2012 starb meine Großmutter. Einige Monate nach ihrem Tod ist mir eingefallen, dass ich ihr Haus durchsuchen sollte, damit keine alten Familienfotos oder historischen Dokumente vorloren gingen. Schließlich war ich wahrscheinlich der einzige in der Familie, der sich für sowas interessieren würde. Außerdem wusste ich von ein paar alten Papieren, die auf keinen Fall weggeworfen werden durften, wie zum Beispiel der Geburtsurkunde von meiner Ururgroßmutter aus dem Königreich Ungarn, von 1872. So habe ich den Entschluss gefasst, jede Schublade, jedes Regal, jeden alten verstaubten Schrank zu durchsuchen, damit nichts in Vergessenheit geriet. Ich glaube, diejenigen, die sich für Ahnenforschung interessieren oder irgendeine Art von wissenschaflicher Neugier haben, werden mich gut verstehen. Und in der Tat, meine Bemühungen waren nicht umsonst: Ich habe nicht nur die obengenannte Geburtsurkunde gefunden, sondern jede Menge Dokumente, von der Art, die mein Interesse weckte, wie eine Kiste voller Fotos aus den Zwanzigern und Dreißigern, eine Banknote aus Deutschland von 10.000 Mark, Postkarten aus Europa und noch vieles mehr.

Aber von all den Dokumenten, die ich gefunden habe, haben mich zwei Briefe, von denen ich nichts wusste, am meisten überrascht. Ehrlich gesagt habe ich den Eindruck, dass meine Großmutter irgendwann etwas über Briefe gesagt hat, aber ich hatte sie nie zuvor gesehen, geschweige denn gelesen! Der Titel des ersten Briefes lautete: „Neuruppin, 11. Oktb 1933. Lieber Cousin Hugo!”. Offensichtlich handelte es sich um einen Brief an meinen Urgroßvater, Hugo Germano Schlöttgen, von seinen Cousinen aus Deutschland — Als sein  Vater auswanderte, blieb der Rest der Familie in Europa. Ich war sehr aufgeregt und neugierig. Worüber haben sie geredet? Wie war das Leben damals in Deutschland? Was ich alles über meine Familie lernen könnte!

Die Vorderseite des Umschlags lautet: Herrn Hugo Schlöttgen, Rua Alvaro Chaves Nº 462. Porto Alegre, Rio Grande do Sul, Estados Unidos do Brasil.

Ich machte mich sofort an die Arbeit, doch sie erwies sich als ziemlich kompliziert. Wer schon mit alten handgeschriebenen Dokumenten aus Deutschland zu tun hatte, weiß, dass es alles andere als leicht ist, solche Texte zu lesen. Das liegt hauptsächlich an der Tatsache, dass damals die sogenannte ‚Sütterlinschrift‘ benutzt wurde, eine Schriftart, die sich von der heutigen ‚Standardschrift‘ — oder wie sie auch heißt — sehr unterscheidet. Außerdem war die Handschrift mit den damaligen Füllfedern nicht immer so leicht verständlich, so dass man sich bemühen muss, um die einfachsten Sätze lesen zu können.

Aber so schwer meine Aufgabe auch war, sie war auch nicht unmöglich. Ich habe die Sütterlin Buchstaben gelernt und almählich habe ich mich an die Eigenschaften der Handschrift meines ‚Cousins‘ gewöhnt. Langsam habe ich angefangen, die ersten kompletten Sätze zu verstehen und der Text hat Form angenommen. So habe ich weitergelesen, und als ich mein Bestes tat, um die schnell gekritzelte Handschrift zwischen unlesbaren Wörtern und Tintenflecken zu entziffern, habe ich einen sehr berühmten Namen erkannt. Ich erschrack und saß einfach da wie eingefroren, über den Tisch gebeugt. — Nein! Offensichtlich habe ich einen Fehler begangen, immerhin ist die Handschrift sehr schlecht! Dachte ich zuerst. Aber es war kein Fehler, der Name stand da klar und deutlich, eine hässliche Narbe auf dem Papier wie in der Geschichte der Menschheit: Adolf Hitler.

Meine Urgroßeltern: Hugo Germano Schlöttgen und Ida Wilma Schlöttgen (geb. Fischer).

Kein Wunder, dass der Name erwähnt wurde! Schließlich war 1933 genau das Jahr, in dem Hitler an die Macht kam, als er zum Reichskanzler ernannt wurde. Bis dahin war es mir gar nicht eingefallen, dass meine Familie solche Ereignisse der deutschen Geschichte miterlebt hatte. Ich war begeistert, so ein bedeutungsvolles historisches Dokument in der Hand zu halten, doch der Kontext, in dem der Name sich befand, war schrecklicher als der Name selbst. Der komplette Satz lautete: “die Verhältnisse haben sich ja etwas gebessert und hoffen wir, daß es unter unsern [?] Reichskanzler Adolf Hitler noch besser wird”.

Ja, scheinbar zählten meine Verwandten auch zu den Millionen von deutschen Bürgern, die den Lügen der Nazi-Propagandamaschine Glauben geschenkt hatten. Aber der erste Brief war sehr kurz, nur eine kleine Botschaft, um sich zu melden und zu fragen, ob alles in Ordnung sei. Der zweite hingegen, aus dem Jahr 1937, war echt riesig, über vier Seiten lang, und der Inhalt war wesentlich grausamer — und interessanter!

Der Brief aus dem Jahr 1933. Der Satz über Hitler ist unterstrichen. Scheinbar hatte jemand das schon vor mir gelesen…

Im Jahr 1937 war Hitler kein gewöhnlicher Reichskanzler mehr, sondern „der Führer“. Die weit verbreiteten politischen Ansichten des Totalitarismus und des Faschismus, die am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts herrschten, waren klar erkennbar.  Die Herrschaft von Getúlio Vargas in Brasilien wurde ebenfalls gelobt:

„[…] offt denken wir an Euch und über Euer Land welches nach der Zeitung mir es scheint besser wird. Wir freuen uns mit Euch, daß wieder Ruhe und Ordnung herscht und daß bei Euch ein Mann ist der im Sinne unsers Führers die Regierung übernimmt […]”

Die Rolle der nationalsozialistischen Propaganda war so offensichtlich, dass man meinen könnte, die Zeilen würden aus Goebbels’ Feder stammen:

Im ganzen genommen sieht es in der Welt nach böse aus. Wenn doch alle Völker sich wollen verständigen, denn dann wäre es für alle Menschen gut und es gabe keine Not, und Handel und [?] wäre dann wieder in Ordnung. Gerade aus deutsche wie wir keine Rohstoffe haben und diese für teuer devisen kaufen müssen. Hoffen wir, daß unsern Nachbarvölker verständniß aufbringen, daß Sie uns unsere Kolonien einst wieder geben, denn das deutsche Volk braucht Kolonien ohne diese können wir nichr leben.

Die erste Seite des zweiten Briefes.

Einige Passagen klangen derart naiv, dass es mir schwer fiel zu verstehen, wie leichtgläubig man damals sein könnte:

Aber unser Führer hat es uns versprochen sobald die Verhältnisse in deutschland besser sind sollen auch Löhne und Gehälter auf gebessert werden und wir glauben auch daran denn unser Führer hat schon ganz andere Sachen vollbracht, und wird auch dieses Problem lösen.

Aber zum Glück ging nicht alles nur um Politik, der Wunsch auf ein Wiedersehen war natürlich auch da. Das waren die Worte, die für mich am wertvollsten waren:

„[…] also dann wenn du einmal in der Lage bist steige in ein deutsches Schiff und fahre nach Hamburg, von dort würde ich dich gerne abholen, du brauchst nur zu schreiben wann daß Schiff dort ankommt.”

„[…] ich hoffe bestimmt auf ein Wiedersehen, denn deutschland ist groß und deutschland ist schön. dann zeige ich dir gerne auch die Reichshauptstadt und noch viele andere.”

Als meine Arbeit erledigt war, und der Inhalt der Briefe völlig transkribiert war, hatte ich mehr Fragen als Antworten. Was war mit ihnen geschehen? Mussten sie kämpfen? Hatten sie den Krieg überlebt? Hatten sie nach dem Krieg den Kontakt wiederaufgenommen oder war die Verbindung für immer verloren? Gab es womöglich mehrere Briefe, die dasselbe Schicksal traf wie die anderen Dokumente meines Urgroßvaters? Außerdem musste ich mir auch die „ethische” Fragen stellen: Waren sie ein Teil des Problems oder einfach nur Opfer? Trug eine arme Bauernfamilie aus Brandenburg auch Verantwortung für alles, was damals geschah? Wussten sie überhaupt davon? Ich glaube, die meisten dieser Fragen werden leider unbeantwortet bleiben müssen.

Mein Ururgroßvater Herrmann Schlöttgen, aus Fehrbellin, Brandenburg.

Ich habe nie erfahren, warum mein Ururgroßvater Deutschland verlassen hat. Vielleicht brauchte er Geld, vielleicht war er ein Abenteurer von Natur… Wer weiß? Aber wenn man alles bedenkt, was Deutschland im darauffolgenden Jahrhundert erwartete, dann hat er wahrscheinlich die richtige Entscheidung getroffen. Dank ihr wurde mein Urgroßvater trotz aller Schwierigkeiten in einem friedlichen Land geboren, in dem er sein Leben ungestört führen durfte, ohne Kriege und ohne Unterdrückung—oder fast ohne. Diesen Segen haben wir irgendwie ihm zu verdanken, selbst wenn er nicht genau wusste, was er tat. Das bringt mich zum Nachdenken: War er anders als diejenigen, die heute den umgekehrten Weg einschlagen, um sich in Deutschland ein neues Leben aufzubauen? Wie viele Verbindungen müssen immer noch wegen eines Konfliktes verloren gehen? Das sind ebenfalls Fragen, die unbeantwortet bleiben müssen. Aber eins kann ich euch sagen: Das sind die Gründe, warum ich mich für die Geschichte dieser Menschen, die vor Jahrhunderten gelebt haben, so sehr interessiere.

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