Ein Interview von Sara Graziano (Italien) mit Marie aus Moldawien, die bereits in fünf Ländern gelebt hat: Moldawien, Russland, Italien, Deutschland, und dann ist sie wieder nach Italien zurückgekehrt.
Hallo liebe Marie, herzlich willkommen zu diesem Interview. Kannst du dich kurz vorstellen?
Also hallo, ich heiße Marie, bin 23 Jahre alt (aber fast 24!) und ich bin Studentin, ich studiere Englisch und Deutsch an der UniUPO, also der „Universität Ostpiemont“ in Vercelli. Ich komme aus Moldawien, aber ich bin mehrmals im Ausland umgezogen, und jetzt wohne ich in der Provinz Alessandria mit meiner Mutter, meiner Katze und meinem Hund.
Seit wie vielen Jahren bist du in Italien?
Fast zehn Jahre, ich habe hier schon das Gymnasium besucht.
Und in welche anderen Länder bist du umgezogen, und wie lange bist du dort geblieben?
Ähm, zuerst in meinem Heimatland Moldawien, wo ich geboren bin. Als ich fünf Jahre alt war, bin ich nach Russland umgezogen… Dort habe ich sechs Jahre gelebt und die Grundschule besucht. Dort habe ich Rassismus zwar gesehen, aber nicht selbst erlebt. Eine Freundin von mir, die ebenfalls auch aus Moldawien kam, war Opfer von Rassismus.
Gab es einen Grund, warum du selbst keinen Rassismus erlebt hast? Konntest du schon gut Russisch sprechen, oder gab es andere Gründe dafür?
Ich würde sagen, dass es wegen meines Namens war. Mein Name klingt typisch russisch oder ukrainisch, deswegen wusste niemand, wo ich eigentlich herkomme.
Dann, nach Russland?
Nach Russland bin ich nach Italien umgezogen, hier wohnten schon einige meiner Verwandten. Hier blieb ich nur zwei Jahre, habe die Scuola Media besucht, und danach bin ich nach Deutschland umgezogen.
Okay, und wie lange bist du in Deutschland geblieben?
Nur zwei Jahre. Ich habe in Deutschland eine Schule besucht, die aber nicht so gut war… Eigentlich habe ich fast kein Deutsch in der Schule gelernt, weil es nicht so viele Deutschkurse gab, also habe ich die Sprache meistens alleine zu Hause gelernt und meinen Klassenkameraden zugehört, ich wollte sprechen, so wie sie… Ehrlich gesagt habe ich auch kaum Hilfe von den Lehrern bekommen.
Und wie war es mit deinen Klassenkameraden? Waren sie nett zu dir?
Tatsächlich habe ich in dieser Schule eine gute Freundin gefunden, und wir chatten noch heute, aber meistens auf Englisch haha.
Wie war es in Deutschland als Moldawierin? Hat dein Migrationshintergrund dir geholfen oder dich verhindert?
Es gab sehr, sehr viele Russen. Meiner Meinung nach gibt es in Deutschland mehr Türken und Russen als Deutsche haha, oder so war es zumindest in der Stadt wo ich wohnte. In meiner Klasse war die Mehrheit der Schüler aus der Türkei, und in meiner Stadt gab es auch ein ganzes Gebiet, wo nur Russen wohnten, also es handelte sich um eine richtige „russische Stadt“. Meine Familie und ich wohnten nicht in diesem Gebiet, sondern im Stadtzentrum, weil es bequemer für uns war.
Und dann bist du wieder nach Italien zurückgegangen. Aus welchen Grund?
Da meine Schule in Deutschland so… schlecht war, weil es vor allem eine ,,Ausländerschule” war, wo die Qualität etwas schlecht war, bin ich wieder nach Italien zurückgekehrt. Und das Gymnasium hier in Italien war viel besser als die Schule in Deutschland.
Hattest du Schwierigkeiten mit der italienischen Kultur? Oder schlimme Erfahrungen hier mit Italiener*innen?
Ich habe hier nur einmal wirklich Rassismus erlebt… Meine Deutschlehrerin am Gymnasium mochte mich überhaupt nicht, und sie hat mir einmal sogar gesagt, dass ich wieder nach Deutschland gehen sollte, nur weil ich eine Frage über einen Fehler in meiner Prüfung gestellt hatte. Ich finde es sogar komisch, dass sie mich so sehr hasste, weil ich zwei Jahre in Deutschland gelebt hatte.
Das ist ja ganz schön viel Bewegung in deinem Leben, wie hat das alles angefangen?
Eigentlich waren es meine Eltern, die das entschieden haben. Sie wollten mir eine bessere Zukunft geben, eine bessere Bildung und bessere Arbeitsmöglichkeiten. Als Kind versteht man das nicht immer, aber heute bin ich dankbar dafür.
Du sagtest, du lebst jetzt seit fast zehn Jahren in Italien. Kannst du dir vorstellen, hier zu bleiben?
Ja, ich will unbedingt hier bleiben. Italien ist mein Zuhause, hier habe ich die Schule besucht, hier habe ich Freunde gefunden, hier fühle ich mich wohl. Ich würde gerne nicht mehr umziehen. Aber…
Aber?
Aber… es ist nicht so einfach. Nach dem Studium muss ich eine Arbeitsstelle finden, und das ist hier in Italien nicht immer leicht. Wenn ich keine finde, dann weiß ich nicht… dann müsste ich vielleicht wieder umziehen. Und das wäre diesmal viel schwerer als früher.
Warum schwerer?
Weil ich das diesmal selbst entscheiden muss. Als Kind haben meine Eltern alles entschieden, ich musste einfach mitgehen. Jetzt wäre es meine eigene Entscheidung, und das fühlt sich ganz anders an. Italien verlassen zu müssen, nachdem ich so lange hier bin… das wäre wirklich schmerzhaft.
Und wenn du umziehen müsstest, wohin würdest du gehen?
Ich weiß es noch nicht. Vielleicht wieder nach Deutschland, weil ich die Sprache spreche. Vielleicht irgendwo anders. Aber ich hoffe wirklich, dass es nicht so weit kommt.
Letzte Frage: Der Titel dieses Interviews lautet „Mein Zuhause muss ich mir noch verdienen“. Was bedeutet das für dich?
Es bedeutet, dass Zuhause für mich kein Ort ist, den man einfach bekommt. Man muss dafür kämpfen, arbeiten, sich beweisen, und ich denke, als Ausländerin musste ich das noch mehr als andere tun. Italien fühlt sich wie mein Zuhause an, aber ich muss es mir noch verdienen. Mit einer Arbeit, mit einem Leben, das ich hier aufbauen kann. Ich hoffe, dass mir das gelingt.
Marie, vielen Dank für dieses bewegende und ernstes Gespräch. Wie immer, ich, und hoffentlich alle Leser, drücken dir die Daumen!
Danke, ich auch! Haha.


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