Wie mein Urgroßvater mir half, ein bisschen von der Auswanderungsgeschichte meiner Familie zu erfahren

In diesem Artikel erzählt Tiago Serafini Farias (Porto Alegre, Brasilien) davon, was ihn das literarische Schaffen seines deutschen Urgroßvaters über seine Vorfahren lehrte.

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Seit ich angefangen habe, Deutsch an der Universität zu studieren, muss ich immer etwas Neues finden, um es zu übersetzen. Als ich eines Tages im Internet nach einem deutschen Text suchte, kam meine Mutter auf mich zu und sagte: „Weißt du, dass mein Großvater einige Texte und Erzählungen auf Deutsch geschrieben hat? Ich glaube, deine Tante hat ein paar von ihnen digitalisiert und könnte sie dir leihen.” Ich war total überrascht. Ich wusste schon, dass dieser Urgroßvater ein auf Deutsch geschriebenes Tagebuch hatte, das lange verloren war, aber ich hatte keine Ahnung, dass er deutsche Texte veröffentlicht hatte. Sofort fragte ich meine Tante darüber, und sie sagte, dass ich die Texte nehmen könne, obwohl sie nur ein kleiner Teil seiner Veröffentlichungen seien.

Als ich in Besitz von den drei Texten war, fing ich eine kleine Recherche nach der Geschichte dieses Urgroßvaters namens Michael Raymund Schauren an. Ich erfuhr, dass er seine auf Deutsch oder Hunsrückisch verfassten Erzählungen und Artikel in vielen Kalendern oder Periodika veröffentlicht hatte, sogar während des Verbots durch die Campanha de nacionalização von Getúlio Vargas, Texte in Fremdsprachen zu publizieren, und dass die drei Geschichten, die ich hatte, nur aus einem stammten, dem Ignatiuskalender. Üblicherweise war er für die humoristischen Kolumnen verantwortlich, aber sein größtes Werk und dasjenige, das meine Aufmerksamkeit erregte, war eine sogenannte „geschichtliche Erzählung”, deren Titel Aus Grossvaters Zeiten war.

Bild meines Urgroßvaters, Michael Raymund Schauren.

Es war mit Abstand der größte Text mit etwa 100 Seiten. Er wurde in sechs Teile gegliedert, die über sechs Jahre hinweg (1951-1956) jährlich publiziert wurden. Nur der erste Teil wurde in einer traditionellen Schriftart gedruckt, die andere in Frakturschrift, von der ich fast nichts verstehen konnte. Es schien mir eine große Herausforderung zu sein, aber es war viel einfacher zu verstehen, als ich versuchte, sie zu lernen.

Der erste Absatz klärte mich schon auf, worüber es in der Erzählung gehen würde: „Es war an einem hellen, warmen Sonntagnachmittag des Jahres 1852 in Kaiserslautern im schönen Bayernland. Verlegen steht Ferdinand Kunkel, mein Groβvater mütterlicherseits, ein stramm gewachsener Jüngling von fast sechzehn Jahren, vor seinem gestrengen Vater Jakob. Er ist fertig, um in die Christenlehre zu gehen, die er, trotz seiner fast erreichten sechzehn Jahre, immer noch besuchen muβ.” Es handelte sich um das Leben des Großvaters meines Urgroßvaters (also mein Urururgroßvater), um seine Kindheit in Deutschland bzw. in der Stadt Kaiserslautern, und ich dachte, vielleicht auch um die Gründe seiner Auswanderung und sein Leben in Brasilien.

Die erste Seite des 1951 veröffentlichten Teils.

Ich war so neugierig und musste sofort den Rest lesen, auch um zu sehen, ob sie sich gut übersetzen ließe. Es war eine sehr interessante Erfahrung, einen Einblick in das Leben eines Vorfahren zu erhalten. Aber als ich mehr las, konnte ich merken, dass alles sehr romantisiert war und es schien, als ob viele Abschnitte erfunden wären. Auf jeden Fall gab es am Ende des ersten Teils der Erzählung den Hauptgrund für die Auswanderung meines Urururgroßvaters, und er stimmte damit überein, was wir im Unterricht diskutierten: das Suchen nach Freiheit und besseren Gelegenheiten für die Zukunft.

Mehr Freiheit! Diese hätte er sich schon lange gewünscht. […] Mit bewegten Worten schilderte er den Eltern seine Sehnsucht, ferne Länder zu sehen und kennen zu lernen und gab auch der Hoffnung Ausdruck, dort für die Zukunft besser voran zu kommen, als in dem engen Deutschland.

Die anderen fünf Teile handeln von seinem Leben in Brasilien bzw. den Schwierigkeiten mit der neuen Sprache, seiner Reise von Rio de Janeiro nach Rio Grande do Sul und verschiedenen kleinen Vorfällen, die unterwegs passierten. Am interessantesten sind die letzten drei Teile, in denen mein Urgroßvater die Teilnahme meines Urururgroßvater an der föderalistischen Revolution (Portugiesich: Revolução Federalista) beschrieb, die ein sehr bedeutsames Ereignisse in unserem Bundesstaat war und zu viel Unglück in der Region führte.

Ein Teil des Textes, der in Frakturschrift gedruckt wurde.

Insgesamt wirkte diese Erzählung auf mich nicht unbedingt als eine Darstellung des tatsächlichen Geschehens, sondern als eine stolze Ehrung eines Mannes an seinen Großvater, der wie ein Vorbild des fleißigen, biederen deutschen Einwanderers beschrieben wurde. Es ist schade, dass man nirgendwo im Text finden kann, wie er an diese Informationen gelangt ist oder von wem es ihm erzählt wurde. Es wäre sehr interessant, wenn ich wissen könnte, ob er diese Ereignisse und Anekdoten direkt von seinem Großvater gehört hatte, oder ob sie nur bekannte Familiengeschichten waren.

Mir ist es jedoch wichtiger, dass es meine Neugier weckte, als die genaue Wahrheit des Geschehens zu erfahren. Da in der Geschichte viele Orte und Städte erwähnt wurden, wo meine Vorfahren einmal gewohnt hatten oder gewesen waren, möchte ich sie gern in naher Zukunft besuchen, damit ich mehr über meine Familie erfahren kann.

Bild meines Urururgroßvaters, Ferdinand Kunkel, und seiner Frau, Carolina Reichert.

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