Sprichst du Deutsch mit deiner Familie?

In diesem Artikel erzählt Charles Richard Lemos Nunes (Porto Alegre, Brasilien) von seiner Auslandserfahrung in Australien sowie der Begegnung mit neuen Sprachen und Kulturen.

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In Brasilien stellt man diese Frage häufig an Menschen, die deutscher Abstammung sind, da es im Bundesstaat Rio Grande do Sul eine große Anzahl von Menschen gibt, die aus Städten stammen, die vor über 200 Jahren Ziel der Auswanderung waren. An der Universität, an der ich Deutsch studiere, kommen viele der Studierenden aus deutschen Familien und sprechen Hunsrückisch, einen deutschen Dialekt. In meinem Fall habe ich mich aus anderen Gründen dazu entschlossen, Deutsch zu lernen, und obwohl mein Aussehen dem Stereotyp eines „Deutschen“ entspricht, bin ich kein direkter Nachkomme; eigentlich weiß ich nicht, ob ich überhaupt Nachkomme bin. Was meine Mutter sagt, ist, dass mein Urururgroßvater Deutscher war, aber darüber bin ich mir nicht sicher. Wie viele brasilianische Familien sind wir alle gemischter Herkunft, und das lässt sich tatsächlich auf einem der wenigen Bilder bestätigen, die ich von ihm habe:

Bild meines Ururgroßvaters und meiner Ururgroßmutter

Seit ich an der Universität angefangen habe, werde ich oft gefragt, ob ich Deutsch zuhause spreche. Darauf antworte ich jedes Mal so etwas wie: „Ich könnte es sogar sprechen, aber niemand kann es verstehen.“, nur so zum Spaß. Und trotzdem werde ich als „alemão“ bezeichnet – das portugiesische Wort für „Deutscher“ –, denn so nennen die Brasilianer generell jeden Blonden, auch wenn man von einer anderen Nationalität ist.

Nun, der eigentliche Grund, warum ich Deutsch gelernt habe, geht auf meinen Austauschaufenthalt in Australien zurück, bei dem ich Englisch lernen musste, und alles begann mit diesem Lied:

Dieses Lied haben mir Schweizer Freunde vorgestellt, die zu der Zeit, als ich in Australien lebte, genauso wie ich Englisch gelernt haben, und da wir uns sehr gut angefreundet hatten, versprach ich ihnen, Deutsch zu lernen, zunächst nicht aus beruflichen Gründen, sondern aus Freundschaft, das war es, was mich dazu motivierte, Germanistik und Übersetzung an der Universität zu wählen.

Als ich in Australien war, gab es einige Schwerigkeit, um dort zu leben. Erst war es die Sprache, ich konnte Englisch gut verstehen, aber Sprechen war etwas anderes, ganz abgesehen davon, dass der australische Akzent völlig anders ist als das, was man aus dem Fernsehen oder dem Englischunterricht in der Schule gewohnt ist. Er fing allerdings an, mir zu gefallen. Die Leute, mit denen ich zu tun hatte, waren hingegen nicht gerade Australier; ich meine, in Sydney, einer kosmopolitischen Stadt, leben Menschen verschiedener Nationalitäten, darunter auch Brasilianer. Ich unterhielt mich häufiger mit Menschen aus anderen Ländern; es war eines der Dinge, die mir Trost spendeten, zu wissen, dass wir beide uns in einer Fremdsprache verständigten, die nicht unsere Muttersprache war.

Rechts bin ich, ein Brasilianer, Stefi, Remo und Ueli aus der Schweiz, Mayumi aus Japan und Allen aus Südkorea.

Ich hatte ja schon gesagt, dass Brasilianer gemischter Herkunft sind, und deshalb habe ich viele verwirrte Blicke von Leuten bemerkt, als ich sagte: „Ich komme aus Brasilien.“ Hier sind ein paar Sätze, die ich davor (oder danach) gehört habe, als ich sagte, dass ich Brasilianer bin:

„Er ist Australier.“ Das war am Flughafen, noch während eines Zwischenstopps in Santiago, Chile, ich war noch gar nicht in Australien.

„Ich dachte, du wärst Schweizer“, gesagt von einem anderen Brasilianer, in diesem Fall weiß ich nicht, wie er zu dieser Schlussfolgerung gekommen ist.

„Seid ihr Ausländer? Vor dieser Einwanderungswelle hatte ich zwei Autos – schaut mich jetzt mal an!“ Hier hatte ich gar nichts gesagt. Dieser ältere Herr in einem Bus in Newcastle hat sich einfach ungefragt in eine Unterhaltung zwischen mir und meinen Freunden hineingeredet. Ich wusste nicht, was ich antworten sollte, und meine Kollegen noch weniger, da sie als Japaner mit einer noch größeren Sprachbarriere zu kämpfen hatten.

Abgesehen von den typischen Problemen, die Einwanderer haben, wie Sprachbarrieren, das Vermissen der Heimat und der Familie sowie manchmal auch der Kämpf mit Xenophobie, ist es ein sehr toller Gedanke, dass das Bild des typisch brasilianischen Menschen unbekannt ist, da sich während der gesamten Zeit der Entstehung des Landes eine gemischte Bevölkerung gebildet hat.

Ich habe im Laufe meines Australienaufenthalts gelernt, Hippie Bus zu singen und fließend Englisch zu sprechen, ich verstehe diese Sprache auch in fast jedem Akzent (das ist für mich echt eine Überraschung). Doch das Deutschlernen brachte noch viele weitere Herausforderungen mit sich. Die größte davon war die Erkenntnis, dass Schweizerdeutsch nicht dasselbe wie Hochdeutsch ist – schon das bekannteste Wort — „Chuchichäschtli“ (Küchenschränkchen) — macht bereits deutlich, dass es neben der Aussprache eine unbekannte Anzahl von Wörtern gibt, von deren Bedeutung ich nie wissen würde, wenn ich nur Hochdeutsch gelernt hätte. Vielleicht fällt es mir schwer, Deutsch zu sprechen, wenn ich meine Freunde in der Schweiz besuche; eigentlich fällt es mir generell schon sehr schwer, Deutsch zu sprechen. Denn das geht so, je tiefer ich in die Sprache eintauche, umso klarer wird mir, dass meine Kenntnisse sehr begrenzt sind.

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